Bitburg • 8. Mai • „Historikerstreit“

Die Weißwaschung der deutschen Geschichte

Vorgeschichte

Die 50er und 60er Jahre waren geprägt vom „großen Frieden mit den Tätern“: Über die Verbrechen der NS-Zeit wurde nicht debattiert, NS-Täter wurden selbst in ranghöchsten Positionen der Gesellschaft und Politik toleriert beispielsweise der berüchtigte Globke, Kommentator der Nürnberger „Blutschutzgesetze“ und 1953-1963 Kanzleramtsminister unter Adenauer. Wer in der NS-Zeit verfolgt worden war, sah sich deswegen sogar Vorwürfen ausgesetzt: mensch denke nur an die Vorhaltungen, die Willy Brandt in Wahlkämpfen der 60er Jahre (auch von Konrad Adenauers) wegen seines Exils in Norwegen gemacht worden sind.

Erst mit der 68er Revolte wurde der über die NS-Zeit gebreitete Mantel weggezogen: Die Revolte der 68er Jugendlichen und StudentInnen wurde gerade auch motiviert durch den Ekel vor der Verlogenheit der „Auschwitz-Generation“ der eigenen Eltern, die jede Verantwortung weit von sich schob. Eine Diskussion entbrannte über die personelle und strukturelle Kontinuität zwischen NS-Reich und BRD etwa am Beispiel des KZ-Architekten im Bundespräsidentenamt, Heinrich Lübke. Im Zuge der Modernisierung des bundesdeutschen Herrschaftsapparats, die durch die Revolte ausgelöst wurde, wurde der „Exilant“ Willy Brandt Bundeskanzler; in diese Zeit fiel der Kniefall von Warschau als symbolisches Bekenntnis zur deutschen Schuld wobei diese Symbole sich freilich im Rahmen der „Neuen Ostpolitik“ auch funktional in die damals neue Strategie der „friedlichen“ wirtschaftlichen Durchdringung des Ostblocks einfügten. Doch schon nach wenigen Jahr

Ziel des „Historikerstreits“: Aufräumem mit den „Resten“ der ehemaligen DDR. Nichts soll mehr an eine Alternative zum kapitalistischen Szstem erinnern.

en wurde der „Exilant“ abgelöst vom Wehrmachts-Offizier Helmut Schmidt, statt „Reformen“ und Modernisierung war Restauration angesagt; im „Deutschen Herbst“ 1977 war es schließlich unmöglich geworden, über die verbrecherische Nazi-Vergangenheit eines hohen Repräsentanten wie Hanns-Martin Schleyer zu reden (einst SS-Statthalter in Prag und NS-Industrieführer, zum Zeitpunkt seiner Entführung durch die RAF Chef der deutschen Arbeitgeberverbände). Doch die 70er Jahre waren auch die Zeit der Bürgerlnneninitiativen; in den 70ern und 80ern bildeten sich in vielen, auch kleinen, Städten Initiativen und Geschichtswerkstätten, die die NS-Vergangenheit an ihrem jeweiligen Ort aufrollten.

Ausgangslage

Aus Sicht der reaktionären Kräfte stellte sich die Aufgabe, diese Entwicklung zurückzudrehen: ein „richtiger“ Nationalismus kann nur gedeihen, wo „Stolz auf die eigene Nation“ nicht durch lästige dunkle Flecken in deren Geschichte behindert wird. Ihn benötigten sie je doch, um ihre Ziele durchzusetzen: (Wieder-)Aufstieg Deutschlands zur Großmacht; Zurückdrängung der Ergebnisse des II. Weltkrieges wie beispielsweise: deutsche Zweistaatlichkeit (plus Verlust der ehemaligen Ostgebiete), Verbot eigener A-Waffen, „fehlende Souveränität“. Jeder Versuch eines Neuentfachens „deutschen Nationalstolzes“, der gegebenenfalls dazu bereit war, „deutsche Interessen“ mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, drängte damit zwingend dazu, die deutschen Verbrechen der NS-Aera insbesondere die historisch einmalige Massenvernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen entweder zu leugnen oder zu verharmlosen, zu relativieren, gegen „fremde“ Verbrechen aufzurechnen (mit dem Ziel, sich gegenseitig freizusprechen). „Niemals werden die Deutschen den Juden Auschwitz verzeihen.“

Aera Kohl“: Vorstöße zur Nationalisierung bundesdeutscher Politik

Schon kurz nach Ablösung der sozialliberalen Koalition in Bonn 1982 durch die „Aera Kohl“ setzten daher Bestrebungen ein, die auf eine Neudefinition der deutschen Geschichte zwecks Ermöglichung eines neuen deutschen Nationalstolzes hinarbeiteten. Auf anderen Politikgebieten, wo eine reaktionäre „Wende“ er wartet worden war, wahrte die CDU/CSU/F.D.P.-Koalition weitgehende Kontinuität zur vorangegangenen SPD/FD.P.-Koalition; beispielsweise wurde die sozialliberale „Entspannungspolitik“ als Mischung aus militärischer Aufrüstung und Handel zwecks ökonomischer Durchdringung des sowjetischen Blocks weitgehend fortgesetzt und nicht durch eine rein konfrontative Politik ersetzt. Auf dem Gebiet der (National-) Ideologie jedoch setzt(e) die „Aera Kohl“ neue Marksteine.

In dieser Zeit formulierte Kohl den Satz von der „Gnade der späten Geburt“, der Kritik am Wegsehen und Mitmachen großer Teile der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus als Arroganz der Spätergeborenen abtut.

Schwächen der Reaktion der Linken

Diese einschneidenden Veränderungen der „Aera Kohl“ wurden von große Teilen der Linken in den Anfangsjahren völlig ungenügend wahrgenommen, daher auch nicht bekämpft. Dies hatte mehrere Gründe: Der größte Teil der Linken hielt deutschnationale und revanchistische Bestrebungen für anachronistisch, rückwärtsgewandt und mangels Realitätstauglichkeit für ungefährlich; vermeintlich setzte das herrschende Lager ganz auf die EG-Integration und hatte die „Wiedervereinigung“ angeblich längst aufgegeben. Darüber hinaus blickte ein bedeutender Teil der Linken ganz auf die USA als „Hauptfeinde“ und hielt den deutschen Imperialismus nur noch für dessen „Marionette“. Deutschnationale Bestrebungen im herrschenden Lager wurden kaum beachtet.

Schließlich war das bisher fortschrittliche Lager großenteils in einer diffusen politisch überwiegend unbewußten Massenbewegung aufgegangen, der Friedensbewegung, in der große Teile das eigene Land nur mehr als „Schlachtfeld Deutschland“ und als ,,Geisel der Supermächte“ (bzw. der USA) wahrnahmen. Aus Angst um die eigene Vernichtung wurde die aggressive Politik des eigenen Landes (etwa Atomwaffenexporte nach Südafrika, Brasilien oder Giftgas an den Irak) verharmlost oder „vergessen“; Nationalismus wurde kaum kritisiert. In der rechtskonservativen bis rechtsextremen Zeitschrift „Criticon“ freuten sich 1984/85 Autoren über die „Wiederbelebung der

deutschen Frage“ durch die Friedensbewegung; diese könne zwar nicht die richtigen Antworten geben, stelle aber die richtigen Fragen (angebliche Unterdrückung durch die USA).

Bitburg und der 8. Mai 1985

Zum 1. Mai 1985 hatte sich US-Präsident Ronald Reagan für einen Staatsbesuch angesagt. Spätestens hier blamierten sich alle, die meinten, die BRD sei nur eine ohnmächtige Marionette des US-Imperialismus. Ursprünglich wollte Ronald Reagan auf seiner Visite das ehemalige KZ Dachau besuchen, die deutsche Bundesregierung war jedoch dagegen. Stattdessen forderte Kanzler Kohl den US-Präsidenten brieflich auf; mit ihm am 5. Mai den deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, wo auch SS-Angehörige begraben liegen. Der innenpolitische Schaden für die US-Regierung war beträchtlich: 260 von 436 Kongreßabgeordneten, die einen Protestbrief unterschrieben, 53 von 100 US-Senatoren sowie 52 % der US-Bevölkerung waren gegen den Besuch in Bitburg – die deutsche Bundesregierung bestand darauf; die „New York Times“ schrieb, Reagan gehe nur nach Bitburg, „weil Kohl dies will“. Alfred Dregger, Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, griff in einem Brief die 53 US-Senatoren scharf an; ihre Kritik am Bitburg-Besuch empfinde er als Beleidigung seines 1944 an der Ostfront gefallenen Bruders und dessen Kameraden. Das deutsche Magazin „Quick“ veröffentlichte einen antisemitischen Kommentar, in dem über den „Einfluß des amerikanischen Judentums auf die Medien“ schwadroniert wurde. In Bitburg protestierten schließlich Mitglieder jüdischer Gruppen, um einen Polizeieinsatz zu provozieren, dessen Bilder um die Welt gehen würden ohne den Großteil der westdeutschen Linken.

Tausende von Toten zeugten nach der Befreiung Bergen Belsens von der systematischen Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden.
Kohl ehrte lieber faschistische Soldaten.

Es folgte der 8. Mai 1985. Die Sondersitzung des Bundestages war im Vorfeld stark umstritten; Alfred Dregger kommentierte zum Sinn des 8. Mai: „Katastrophen kann man nicht feiern. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hielt seine viel zitierte 8. Mai-Rede. Die Wogen von Bitburg mußten geglättet werden: Die Rede zählte am Anfang alle Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung auf: Juden und Jüdinnen, Kommunistlnnen, Homosexuelle, Sinti und Roma.

1986 hielt der grüne Bundestagsabeordnete Jürgen Reents dieselbe Rede mit dem gleichen Wortlaut vor dem Plenum des Bundestages, ohne allerdings vorher anzumerken, daß es sich um die Weizsäcker-Rede von damals handelte: „Wir gedenken heute der Juden… der Kommunisten…“ Bei der Aufzählung jeder Opfergruppe erntete er von den Bänken der CDU/CSU Hohngelächter und Zwischenrufe im dumpfesten Stammtischton (,‚Na klar, auch die Schwulen! Fehlen nur noch die Kommunisten… !“).

Im Mai 1986 berichtete die rechtsradikale Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ aus dem berüchtigten Grabert-Verlag: „Union rückt von Weizsäcker-Rede ab: … Überraschend hat die CDU/CSU-Fraktion in Bonn sich geweigert, diese Rede entgegen früheren Absprachen zur Grundlage für eine gemeinsame Bonner Entschließung für ein Bonner Ehrenmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft‘ anzunehmen. An bayerischen Schulen soll die Weizsäcker-Rede nicht mehr verbreitet werden dürfen.“

1986: „Historikerstreit“

Im Jahr 1986 stand der Frankfurter Intendant Günther Rühle (seine Entscheidung für das Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ rechtfertigend, dessen Hauptfigur der raffgierige „reiche Jude“ ist) vor Gericht wegen des Ausspruchs: „Die Schonzeit für Juden ist vorbei. “Diese Äußerung beschreibt das gesellschaftliche Klima treffend: die Schonzeit war vorbei; der Boden war bereitet füreinen großen Vorstoß. Dieser kam in Gestalt des sogenannten Historikerstreits.

Schlüsselfiguren desselben waren neben dem hinlänglich bekannten Berliner Professor Ernst Nolte auch der Historiker und Kohl.Berater Michael Stürmer sowie Redakteure der (Regierung und Wirtschaft eng verbundenen) „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ).

Daß der „Historikerstreit“ als Kampagne konservativer Historiker und politischer Kräfte geplant und organisiert war, zeigt, daß bereits im Frühjahr 1986 von dem Historiker Andreas Hillgruber enger Verbündeter von Nolte, Stürmer und Co. eine Aufsatzsammlung in Buchform erschienen war, die sich genau den im „Historikerstreit“ grundlegenden Themen und Fragen widmet. Das Machwerk trägt den bezeichnenden Titel „Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums“ an der Formulierung sind klare Prioritäten zu erkennen. Ein wenig später publizierte die „FAZ“ einen Text des Historikers Ernst Nolte.~ Kern des Nolte-Artikels war die in Frageform verkleidete Behauptung: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, voll brachte Hitler eine ‘asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sichund ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‘asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht derArchipel ‘GULag‘ (2) ursprünglicher als Auschwitz?“ Die Vernichtung der europäischen Juden sei nämlich „mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung“ nichts anderes als das, was die Russische Revolution vollbracht habe: der „Klassenmord“ der Bolschewiki, so Nolte, sei dem „Rassenmord“ der Nationalsozialisten vorausgegangen. „Die sogenannte (!) Vernichtung der Juden während des Dritten Reiches war eine Reaktion oder eine verzerrte Kopie, aber nicht ein einmaliger Vorgang oder ein Original.“ Die Nazis hätten nur aus Angst, der Vernichtung durch den sowjetischen (,‚asiatischen Bolschewismus anheimzufallen, als Reaktion darauf den Holocaust begangen das nannte Ernst Nolte den „Weltbürgerkrieg“. (Eine Gleichung, die überhaupt nur dann Sinn macht, wenn man den „Bolschewismus“ als Werk der Juden betrachtet.)

Gegen Kritik an seinen Thesen sprang Nolte der „FAZ“-Herausgeber Joachim Fest zur Seite. Fest ist Autor des (1973, unmittelbar vor seinem Eintritt in die „FAZ“-Redaktion, erschienenen) Buches „Hitler, eine Karriere“ und damit des gleichnamigen Filmes. Darin schreibt er: „Wenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, würden nur wenige zögern, ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte, zu nennen.“ Joachim Fest schrieb nun anläßlich des „Historikerstreits“ in der „FAZ“ (3) zur Verteidigung der Nolte-Thesen, Hitlers „Ausrottungskomplexe“ hätten einen „realen Hintergrund“ gehabt, da „unter denen, die der schon bald in Chaos und Schrecken auslaufenden Münchener Räterepublik vorgestanden hatten, nicht wenige Juden gewesen waren“. Kurz zuvor hatte „FAZ“-Redakteur Günter Gillessen darüber schwadroniert, ob nicht Hitler mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 nur knapp einem sowjetischen Angriff zuvorgekommen sei (4).

Die Gegenposition zu Nolte, Stürmer, Fest & Co. bezog im „Historikerstreit“ 1986 der linksliberale Sozialwissenschaftler Jürgen Habermas in der Wochenzeitung „Die Zeit“ Er verteidigte in seiner Argumentation den „Verfassungspatriotismus“, also eine Identifikation mit dem Staat nicht über Nation und Ethnie, sondern über die Verfassung und ihre Grundrechte, und gab dies als bisherigen bundesdeutschen Grundkonsens aus, den nun Nolte & Co. nach rechts hin verlassen hätten. Ein verhängnisvoller Irrtum: weder gab es einen solchen Grundkonsens bis in die 70er Jahre hinein war unbestrittener politischer und juristischer Konsens, daß die BRD Nachfolgestaat des Deutschen Reiches mit Anrecht auf die Grenzen von 1937 und die „deutschen Ostgebiete“ sei. Noch waren es Note und Co., die, wie Habermas 1986 glaubte, sich in einer Randposition isolierten. Und was, wenn wie 1989/90 geschehen das Grundgesetz mit seiner Wiedervereinigungspräambel selbst die Grundlage für eine neue, von (fast) allen politischen Parteien getragene, Nationalstaatlichkeit abgeben würde?

Auf die Entwicklung seit dem „Historikerstreit“ 1986 nur ein paar Schlaglichter:

  • Im November 1988 führte Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) auf einer Bundestagssitzung zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ aus: „Die Jahre von 1933 bis 1938 sind selbst bei distanzierterRückschau und in Kenntnis des Folgenden ein Faszinosum“,,Vollbeschäftigung“, „Wohlstand“, „staunenerregende Erfolge“, „es herrschte Selbstvertrauen“. Wir Deutschen sollten „unsere Vergangenheit als Teil unserer Idendität als Deutsche annehmen“, denn „dies allein verheißt uns Befreiung von der Last der Geschichte.“
  • 1989 schwadronierte Hans „Johnny“ Klein (CSU) in einem Interview in „Quick“: „Die Waffen-SS war doch eine kämpfende Truppe, keine Verbrecher. Die glaubten, ihr Vaterland verteidigen zu müssen. Das alles wurde jüngeren Generationen nicht vermittelt. Und das alles hat dazu geführt, daß wir unversöhnt mit unseren Toten leben. Das verträgt ein Volk nur schwer.“ Es gab einen kleinen Skandal; die SPD stellte daraufhin im Bundestag den Antrag, das Nürnberger Urteil von 1946/47 zu bestätigen, wonach die SS und Waffen-SS verbrecherische Organisationen sind. Dieser Antrag wurde schon in den Reihen der SPD-Fraktion wo auch ehemalige SS-Männer sitzen, wie der Dortmunder Oberbürgermeister Samtlebe verwässert: nunmehr sollte nur bestätigt wer den, „Einheiten der SS und Waffen-SS“ seien verbrecherisch gewesen. Die gesamte CDU/CSU-Fraktion und die F.D.P.-Fraktion bis auf fünf Abgeordnete stimmten diesem bescheidenen Antrag nicht zu. D.h.: die Mehrheit des Bundestages lehnte es ab, das Nürnberger Urteil über die SS zu bestätigen.
  • Der Niedergang der DDR 1989 brachte eine neue Qualität des Geschichtsrevisionismus mit sich, da nunmehr „Aufarbeitung der zweiten deutschen Diktatur“ proklamiert und diese dazu benutzt wird, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Ein ostdeutscher Schriftsteller entdeckt in den Stasi-Akten ein „Auschwitz in den Seelen“, und allgemein wird der Anschein erweckt, es mache einen geringen Unterschied, ob 200 DDR-Bürger an der Staatsgrenze erschossen wurden oder 6 Millionen jüdische und andere Menschen einer industriellen Vernichtung unterzogen worden sind. KZ-Gedenkstätten der Ex-DDR wie Buchenwald werden umgebaut, um nun auch der „Verbrechen an Deutschen“ nach 1945 zu gedenken wobei zumindest ein Teil der damals Internierten aktive Nazi-Täter waren.
  • Im Oktober 1992 wollte der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Erich Riedl (CSU; geistiger Urheber der „asylantenfreien Zone im Münchener Süden“) in Peenemünde den 50. Jahrestag der Entwicklung der „V 2“-Raketen feiern der „Wunderwaffe“ der Nazis, produziert durch zehntausende Sklavenarbeiter. Er wurde (nach Protesten im In- und Ausland) zurückgepfiffen, lehnte seinen Rücktritt aber ab.
  • Im Jahr 1993 wurde die Gedenkstätte „Neue Wache“ („Kranzabwurfstelle in Berlin“) in Betrieb genommen „zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Darunter fallen der Vorsitzende Richter des „Volksgerichtshofs“ Roland Freisler, der von einer Bombe der Alliierten getötet wurde, ebenso wie der KZ-Häftling oder die fabrikmäßig vernichteten Juden/Jüdinnen.
  • Appell im KZ-Neuengamme bei Hamburg vom 8. September 1944. Zeichnung von F.L. Bertrand.

    1994 fragte Regierungssprecher Dieter Vogel im Zusammenhang mit den bevorstehenden „D-Day“-Feiern zur Landung der Alliierten in der Normandie (6.6.1944): „Glauben Sie wirklich, daß der Bundeskanzler eine Schlacht feiern würde, bei der deutsche Soldaten eine Niederlage erlitten haben?“ Zum 8. Mai 1995 äußerte sich wieder Alfred Dregger: „Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat…, Abtrennung Ostdeutschlands und des Sudetenlandes von Deutschland, 45 Jahre Stalin-Diktatur in Mitteldeutschland. Fazit: Zum Feiern besteht wahrlich kein Anlaß.“

Fußnoten

1 FAZ vom 6.6.1986

2 „Archipel GULag“: sowjetische Zwangsarbeitslager

3 FAZ vom 29.8.1986

4 FAZ vom 20.8.1986

5 „Die Zeit“ vom 11.7.1986

April 1995